Die Plastik

Die Plastik stand einfach da. Sie ruhte auf ihrem steinernen Sockel und rührte sich nicht. Wie auch, sie war eine Plastik, und eine Plastik ist vielleicht nicht notwendigerweise aus Plastik, aber ähnlich starr. Wobei Plastik auch etwas biegsam sein kann, aber nicht sein muss. Aber das ist jetzt kleinkariert.
Es kamen Leute vorbei. Sie starrten die Plastik an, liefen um sie herum, starrten sie von allen Seiten an. Die Plastik hätte gerne gesagt: „Könnt ihr nicht woanders hingucken, das geht mir voll auf die Nerven.“ Aber sie konnte es nicht sagen. Der Künstler hatte seiner Plastik keine Sprachfähigkeit mitgegeben. Vielleicht wollte er die für sich behalten. Oder er wollte nicht, dass ihn die Plastik voll textet. Denn als Plastik steht man ja so herum und was sollte man dann anderes tun als reden? Daher hat es schon seinen Sinn, dass eine Plastik nicht sprechen kann.
Die Plastik stand weiter einfach so da.
Einige Leute ignorierten sie. Hätte sie sprechen können, hätte sie gesagt: „Hey, seht ihr mich nicht? Schaut mich an! Ich möchte gesehen werden!“
Vielleicht hätten die Leute die Plastik dann gesehen. Aber nur wegen der Aufforderung, nicht aus eigenem Antrieb und Interesse. Hätte die Plastik sich dann wirklich gesehen gefühlt? Hätten sie die Plastik wirklich gesehen? Hätten sie sie in ihrem Kern erfassen können? Ihren Sinn erkennen, ihre Botschaft?
Ich glaube nicht, aber ich möchte nicht unfair sein oder Vorurteile verbreiten, vielleicht hätten sie es ja gekonnt. Ich habe nichts gegen die Leute. Nein, wirklich nicht. Aber sie sollen doch bitte die Plastik anschauen und ihre Botschaft begreifen, wenn sie schon mal herkommen. Wozu sind sie denn hier? Aber was soll’s, ich kann den Leuten nicht helfen, ich muss akzeptieren, wie es ist. Aber eigentlich geht es hier gar nicht um mich und nicht um die Leute. Es geht um die Plastik. Und um die Leute, die mit ihr interagieren. Ja, eine Art Interaktion findet schon statt. Die Plastik sendet eine Botschaft aus, obwohl sie nicht sprechen, nichts sagen, nichts zeigen, nichts schreiben, nichts malen kann.
Trotzdem vermittelt sie etwas.
Sie stellt etwas dar. Schlicht durch ihr Sein, durch ihr Da-Stehen, durch ihre Form.
Kann ich das auch? Wenn ich mich auf einen Sockel stelle, stelle ich dann auch etwas dar? Oder brauche ich einen Künstler, der mich aufstellt, mich formt, damit ich etwas darstelle? Stelle ich sonst nichts dar? Bin ich nichts? Ist die Plastik am Ende mehr als ich, weil sie etwas darstellt, diese beknackte Plastik?
Ich bin erschüttert und aufgewühlt.
Das kann ich so nicht stehen lassen, das kann ich mir nicht bieten lassen!
Ich hole den Benzinkanister, übergieße die Plastik und zünde sie an. Sie ist wirklich aus Plastik und brennt stinkend und lichterloh! Schwarzer Rauch steigt auf. Langsam sinkt sie in sich zusammen, bis sie nur noch ein stinkender Wulst aus geschmolzenem Plastik ist. Ha!
Jetzt ist es keine Plastik mehr, nein, das kann man nun nicht mehr sagen!
Aber – ich muss erkennen – dennoch stellt dieser Klumpen immernoch etwas dar: Das Opfer eines ausgeprägten Minderwertigkeitskomplexes. Mist.
Auf der anderen Seite geht mir ein Licht auf. Wenn selbst dieser stinkende Klumpen Plastik etwas darstellen kann, dann kann ich das auch. Ich weiß nur noch nicht was. Aber ich werde es herausfinden!

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